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Gewaltschutz-Einrichtungen zur Wahl: Vergesellschaftung ist Gewaltschutz!

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Gewaltschutz-Einrichtungen zur Wahl: Vergesellschaftung ist Gewaltschutz! +++ anti-soziale Mietenpolitik fördert Gewaltstrukturen +++ „Die Lage war nicht immer so dramatisch“

Berliner Schutzeinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen und FLINTA[1] melden sich kurz vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus gemeinsam mit der Initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen zu Wort. Sie fordern eine soziale Mietenpolitik, um gewaltbetroffenen Frauen und FLINTA eine Trennung aus gewaltvollen Beziehungen zu erleichtern und Schutzplätze zu entlasten.
 
„In den Medienberichten ist immer wieder die Rede von fehlenden Frauenhausplätzen in Berlin. Die Lage ist aber viel komplizierter, Berlin tut auf allen Ebenen zu wenig“, so Nua Ursprung, Pressesprecherin bei BIG – Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen e.V. „Ja, in Berlin fehlen rund 300 Frauenhausplätze. Täglich müssen wir an der BIG Hotline 10–15 Schutzsuchenden sagen, dass es keine freien Plätze gibt. Die Lage war aber nicht immer so dramatisch. Früher konnten die Frauenhäuser leere Zimmer vorhalten, um Frauen schnell aufzunehmen.“

„Ein zentraler Grund für den Platzmangel ist der Berliner Wohnungsmarkt. Wenn eine Betroffene von Häuslicher Gewalt sich trennen will, aber keine Chance auf eine eigene Wohnung hat – weil es keine gibt oder weil die Angebotsmieten zu hoch sind – dann ist ein Schutzplatz ihre einzige Möglichkeit, sich in Sicherheit zu bringen. Und dann sind die Frauenhäuser überfüllt, weil die Bewohnerinnen nicht wieder ausziehen können, weil sie immer noch keine eigene Wohnung finden – selbst, wenn sie den Schutz und die Unterstützung eigentlich nicht mehr brauchen“, ergänzt Lenou Müssig, Koordinatorin des Autonomen Frauenhauses Cocon.

In den vergangenen Monaten machten die Gewaltschutz-Einrichtungen immer wieder auf den Notstand aufmerksam, zuletzt mit einer Gedenkveranstaltung für eine durch einen Femizid getötete Frau vor dem Rathaus Schöneberg. Ende vergangenen Jahres konnten sie pauschale Kürzungen ihrer Fördermittel durch eine Protestaktion im Abgeordnetenhaus verhindern. Daraufhin stellte der Senat Mittel für die Eröffnung zweier weiterer Frauenhäuser bereit.

Sozial- und Mietenpolitik in Berlin katastrophal
„Die aktuelle Regierung hat hunderte Angebote gekürzt, die Gewalt verhindern oder zumindest früh erkennen könnten. Wir Gewaltschutz-Einrichtungen sind selten der erste Schritt aus einer gewaltvollen Beziehung, sondern eher der Vorletzte. Meistens sind es Sozialarbeiter:innen im Jugendclub, Frauenzentrum oder Sprachcafé, die die Anzeichen von Gewalt erkennen und der Betroffenen die richtige Hilfe vermitteln können“, so Ursprung weiter.

Häusliche Gewalt betrifft alle gesellschaftlichen Gruppen, unabhängig von Alter, Herkunft, Religion, Bildung oder finanziellem Status. Im Hilfesystem sind jedoch marginalisierte Personengruppen überrepräsentiert, da sie ohne professionelle Hilfe weniger Möglichkeiten haben, sich in Sicherheit zu bringen.

„Der Berliner Wohnungsmarkt wurde großen Investor:innen überlassen, für die Wohnungen keine überlebensnotwendigen Schutzräume, sondern Profitchancen sind. Armut ist kein Grund für Gewalt, aber sie erschwert die Trennung aus einer gewaltvollen Beziehung erheblich. Wer dann noch eine Wohnung für mehr als drei Kinder sucht, einen befristeten Arbeitsvertrag oder einen unsicheren Aufenthaltstitel hat, hat am Berliner Wohnungsmarkt quasi keine Chance mehr. Wir brauchen mehr Wohnungen in öffentlicher Hand!“, so J. Weber, Sozialarbeiterin bei ZUFF e.V.

„Wir brauchen eine Wohnungsverwaltung, die sich für die Bedürfnisse der Mieter:innen interessiert, statt für deren Kontostand. Häusliche Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das gesamtgesellschaftliche Lösungen braucht. Die aktuelle Wohnungsmarktpolitik funktioniert offensichtlich nicht. Wir müssen die Wohnungen großer Immobilienunternehmen vergesellschaften, um dieser Stadt eine Perspektive auf eine gewaltfreie Zukunft zu ermöglichen“, fordert eine Mitarbeiterin* von Frauenzimmer e.V.

*aus Sicherheitsgründen müssen einige Kolleg:innen im Gewaltschutz anonym bleiben.

Soziales Vergabekonzept für vergesellschaftete Wohnungen
„Vergesellschaftung ist die beste Lösung gegen die Mietenkrise und damit ein entscheidender Baustein im Kampf gegen häusliche Gewalt. Bei Gemeingut Wohnen, der Anstalt des öffentlichen Rechts, die die vergesellschafteten Wohnungen künftig verwaltet, wird Wohnraum nach Bedarf und nicht nach Zahlungskraft vergeben. Die Vergabe erfolgt diskriminierungsfrei in einem pseudonymisierten Losverfahren. Darüber hinaus sieht der Entwurf ein Kontingent von bis zu zehn Prozent der jährlich frei werdenden Wohnungen vor, das direkt und ohne Losverfahren an besondere Bedarfsgruppen geht, ausdrücklich auch an Menschen, die von häuslicher Gewalt betroffen oder unmittelbar bedroht sind.“, so Ida Mühlhaus, Sprecherin der Initiative Deutsche Wohnen und Co enteignen.

In einem Volksentscheid stimmten 2021 59,1% der Berliner:innen für die Vergesellschaftung der Wohnungen großer Immobilienkonzerne. Eine von der Regierung eingesetzte Expert:innenkommission kam zu dem Ergebnis, dass die Vergesellschaftung rechtlich machbar und ein gutes Mittel gegen die Wohnungskrise sei. Im Herbst 2025 stellte die Initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen ihr gemeinsam mit einer renommierten Anwaltskanzlei erarbeitetes Gesetz zur Vergesellschaftung vor.

[1] FLINTA steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen. Da der Begriff noch nicht allen Menschen geläufig ist, nutzt BIG e.V. die Doppelung „Frauen und FLINTA“.

  • Autonomes Frauenhaus Cocon
  • BIG – Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen e.V.
  • Frauenberatung TARA – Fachberatungs- und Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt
  • Frauenraum – Fachberatungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt
  • Frauenzimmer e.V. – Zufluchtswohnungen
  • Hestia Frauenhaus
  • Hestia Zufluchtswohnungen
  • Paula Panke e.V. – Feministische Zentren und Zufluchtswohnungen
  • ZUFF e.V. – Zufluchtswohnungen für Frauen*
  • und: Deutsche Wohnen & Co enteignen